Ermutigung, statt Entmutigung

Erfolgsgeschichten

Der fremde Mann in meinem Bad

Ich bin noch nie Seilbahn gefahren

Deinen Hund kenne ich

In dieses Zimmer gehe ich nicht

Was ist das denn für ein Ding?

Vorsicht, mein Mann beißt

Rührei auf meiner Schürze

Meine Blumen widersprechen mir nicht

Rot,rot,rot sind alle meine Kleider

Der fremde Mann in meinem Bad

Herr M. mit einer dementiellen Veränderung hatte sich mit Schnittwunden an seiner rechten Hand verletzt. Auf meine Nachfrage bei einem Hausbesuch berichteten mir die Angehörigen, dass er sich die Verletzung im Badezimmer zugezogen hatte. Er hatte im Badezimmerspiegel sein Spiegelbild gesehen und zornig „diesen Mann da im Spiegel“ aufgefordert, das Bad zu verlassen, weil er sich waschen wolle.

Als dieser immer noch im Spiegel zu sehen war, hat der alte Herr sich nicht anders zu helfen gewusst, und zugeschlagen. Er hatte durch seine dementielle Veränderung sein Spiegelbild im Spiegel nicht mehr erkannt. Ich erklärte die Veränderung in der Wahrnehmung und wir verhängten alle spiegelnden Flächen in der Wohnung. Darauf hatte es keine aggressiven Ausbrüche mehr im Bad gegeben.

Ich bin noch nie Seilbahn gefahren

Frau J. wünschte sich zu ihrem 80. Geburtstag einen Ausflug in die Natur. Sie hatte uns einige Zeit vorher in einem Nebensatz erzählt, dass sie noch nie den Erdboden unter ihren Füßen verlassen hatte, weil sie Angst davor habe. Wir fuhren mit dem Auto in die Berge und sie war entzückt von den satten Farben der Natur.

Auf einem Parkplatz erzählten wir ihr dann von dem geplanten Gipfelgeburtstag. Einen kurzen Moment zögerte sie, weil sie mit der Seilbahn hinauf fahren müsste. Aber dann schmunzelte sie vertrauensvoll und stieg mit uns gemeinsam in die Gondel. Oben am Gipfelkreuz konnte sie ihr Glück kaum fassen. Jahre später noch holte sie bei jeder Gelegenheit das nachgelieferte Fotogeburtstagsbuch hervor und freute sich an den Bildern, die mit herrlichen Erinnerungen verknüpft waren.

Deinen Hund kenne ich

Einmal kam ich wieder zu einem Hausbesuch bei einer älteren Dame mit dementiellen Veränderungen vorbei. Mein kleiner Therapiehund und ich besuchten diese Dame regelmäßig. Frau D. konnte sich nicht so recht an mich erinnern, aber jedes Mal, wenn sie den Hund erblickte, freute sie sich riesig, weil sie ihn wiedererkannte. Als ich mich später verabschieden wollte, sagte Frau D. zu mir: „Sie dürfen gern wiederkommen, denn den kleinen Hund kenne ich.“

In dieses Zimmer gehe ich nicht

Die Ehefrau von Herrn M. berichtete mir verzweifelt, dass ihr Mann nicht mehr in das Wohnzimmer gehen mag. Ich schaute mir vor Ort die Räumlichkeiten an und stellte fest, dass das Wohnzimmer wohl ein Anbau war. Der Bodenbelag war ein anderer, als im Küchen- Essbereich. Die Bodenfarbe im Wohnzimmer war sehr viel dunkler. Ich fragte, ob ich mit Herrn M. Hand in Hand einen kleinen Spaziergang durch das Haus machen dürfe. Er fasste bereitwillig meine angebotenen Arme zur Unterstützung. Ich ging rückwärts vor ihm Richtung Wohnzimmer. An der Schwelle blieben wir stehen. Dann zeigte ich ihm, dass ich zwischen den beiden Bodenbelägen hin und her gehen könne. Ich stand auf dem dunklen Teil und er auf dem hellen. Ich erklärte und zeigte ihm gleichzeitig, dass es kein dunkles Loch sei, in dass ich falle. Zögernd folgte sein Fuß und er trat in das Wohnzimmer ein. Wir wiegten uns im Walzerschritt ein wenig hin und her und er merkte, dass sich keine dunkle Tiefe vor ihm auftat. So machte es die Ehefrau in Zukunft auch und er konnte wieder in seinem Lieblingssessel sitzend in den Garten schauen.

Was ist das denn für ein Ding?

Herr A. mit dementiellen Veränderungen saß, in sich versunken und tatenlos, auf seinem Stuhl. Über seinen Enkel hatte ich erfahren, dass er früher Schreiner gewesen war. Allerdings erkannte er die Gegenstände und ihre Bedeutung, die man ihm in die Hände legte, nicht mehr. Der Enkel brachte mir auf mein Fragen ein großes Brett, Hammer und Nägel. Dann führte ich in langsamen Bewegungen ohne Worte seine Hände und wir begannen Nägel einzuschlagen. Zu Beginn gingen die Bewegungungen nur unrund und steif vor sich. Aber bereits nach dem 3. Nagel merkte ich, dass er meinen Händen folgte. Beim 5. Nagel ließ ich meine Führung sehr locker und entzog dann meinen Handkontakt ganz. Versonnen hämmerte er einen um den anderen Nagel. Seine Augen glänzten und sein Blick war klar und konzentriert.

Vorsicht, mein Mann beißt

Familie R. hatte mich zu einem Hausbesuch gebeten. Erwartungsvoll saßen alle am hübsch gedeckten Kaffeetisch. Ich setzte mich zum Großvater, der die Situation nicht recht erfasste. Aber er beobachtete mich aufmerksam, als ich den frisch gebackenen Kuchen aß. Nach kurzer Zeit fragte ich ihn, ob er auch einmal kosten wolle. Seine Ehefrau warnte mich sofort: „Vorsicht, mein Mann beißt!“ Ich fragte, ob die Familie immer auf ihren gleichen Stammplätzen sitzen würde. Dann nahm ich einen kleinen Löffel, legte ein Stück Kuchen darauf und führte den Löffel in ganz langsamen großen Kreisen weit genug entfernt vor sein Blickfeld. Dann kam ich langsam näher. Als ich links unten außen den Löffel bewegte, merkte ich, dass er dem Löffel mit den Augen folgte. Langsam ging ich mit dem Löffel zum Mund und Herr R. öffnete diesen und nahm mit den Lippen den Kuchen. Genüßlich verspeiste er das ganze Kuchenstück und sagte zum Schluß: „ Gut, wie früher.“ Frau R. war erstaunt und fragte, was ich jetzt anders gemacht habe? Ich erklärte ihr, das ihr Mann wohl eine Einschränkung des Gesichtsfeldes habe und nur von links unten außen die Dinge noch erkennen könne. Wenn aber plötzlich ganz dicht vor seinem Gesicht eine Gabel auftauchen würde, die er vorher nicht wahrgenommen habe, dann würde er sich erschrecken. Das Einzige, was ihm dann noch bliebe, um sich vor einer Kuchengabel schützen zu können, sei sein Beißen. Dann tauschten wir Plätze und die Frau R. hatte ebenfalls Erfolg.

Rührei auf meiner Schürze

Unsere Tagesaufgabe bei einer Hausbetreuung war es, einen Kuchen zu backen. Dafür mussten wir Eier trennen. Ich gab der „Bäckerin“ ein Ei in die Hand und fragte sie, ob sie die Schale öffnen und das Ei zu der Butter fügen könne. Verunsichert schaute Frau Y. auf das Ei und zerquetschte es einfach zwischen den Fingern. Beim nächsten Ei führte ich ohne viele Worte die Hände und beim 3. Ei kam die Erinnerung an diesen Bewegungsablauf wohl wieder. Sie trennte mit großer Begeisterung alle Eier völlig selbständig. Hier war es wichtig, dass das gesprochene Wort für sie keinen Sinn mehr ergab und sie nicht wusste, was ich von ihr erwarte. Aber oftmals, wenn man die Hände führt, kommen alte Bewegungsabläuf wieder in die Erinnerung zurück und können selbstständig wieder übernommen werden. Frau Y. freute sich sehr über das Lob ihres Mannes über den gelungenen Kuchen.

Meine Blumen widersprechen mir nicht

Eine begeisterte Gärtnerin in betagtem Alter ging selbst noch gern in ihren Garten. Auf die Frage, was sie die rheumatischen Schmerzen vergessen lasse und was ihr so gut im Garten tue antwortete sie zufrieden: „Mit den Mitmenschen habe ich so meine Probleme, aber die Blumen machen mir große Freude und widersprechen mir nicht.“

Rot,rot,rot sind alle meine Kleider

Frau W. hatte große Freude an roten Kleidungstücken ihrer Gardrobe. Sie kombiniete frisch und fröhlich jeden Tag die schönen leuchtenden Teile. Tatsächlich ist es so, dass die rote Farbe mit zunehmendem Alter von den Augen am längsten wahrgenommen werden kann.